Über die Streichposition, oder: Die Dreifaltigkeit der Geige

Was ist die ideale Streichposition, also die Stelle auf der Saite, wo der Bogen aufgesetzt wird? Die einfache Antwort ist: Die ideale Streichposition gibt es nicht. Denn je nachdem, wo ich den Bogen auf der Saite aufsetze, verändert sich der Klangcharakter des Tones. Ich möchte das im Folgenden kurz erläutern, aber zuvor noch darauf hinweisen, dass es hier nicht um die Frage geht, ob der Bogen angewinkelt oder gerade, also mit allen Bogenhaaren, auf die Saite aufgesetzt wird. Ich möchte mich an dieser Stelle lediglich über die Auswirkung der Position des Bogens auf der Saite auslassen.

Gehen wir von einem gleichmäßigen Strich und gleichmäßigen Kontakt zur Saite aus. Zunächst einmal die Frage: Wie verändert sich der Ton, wenn der Bogen an unterschiedlichen Stellen auf die Saite aufgesetzt wird?

Grob gesagt wird der Ton schärfer, je näher der Bogen in Stegnähe aufgesetzt wird, und der Ton wird weicher, je mehr in der Nähe des Griffbrettes gestrichen wird. Das Streichen in<br />Stegnähe ist mit dem Streichen in der Nähe eines Schwingungsknotens vergleichbar (z.B. in der Mitte der Saite). Hier treten gegenüber dem Grundton der Saite die sogenannten ungeradzahligen Obertöne in den Vordergrund, bzw. der Grundton tritt aufgrund der Nähe zum Schwingungsknoten in den Hintergrund. Wer sich für die Physik hinter alldem interessiert, dem sei der Artikel von Eberhard Sengpiel empfohlen, der Link findet sich am Ende dieses Beitrags. Ich möchte hier mehr auf die praktischen Auswirkungen im alltäglichen Geigenspiel eingehen.

Meinen Schülern empfehle ich regelmäßig, die Stegnähe zu suchen und das Streichen in unmittelbarer Nähe des Stegs zu trainieren. Das hat den praktischen Nutzen, sich an das starke Klangbild des Tones in dieser Streichposition zu gewöhnen und zudem kann durch die Nähe zum Steg das Einhalten der Streichposition leichter kontroliert werden. Wie oft passiert es, dass während des Herabstrichs der Bogen sich versehentlich in Richtung des Griffbrettes, und beim Heraufstrich sich dieser sich über den Steg bewegt! Doch das Trainieren des Einhaltens der Streichposition ist nur der eine Aspekt.

Wie im vorletzten Absatz deutlich wurde, hat die Veränderung der Streichposition unmittelbar Einfluss auf den Klang des Tones. Verändert man die Stelle, an der die Saite gestrichen wird ist das vergleichbar, als würden bei einer Orgel beispielweise andere Register gezogen werden. Sicher, es kann dem einen oder anderen Kantor schon mal passieren, ein Register unbeabischtigt auszuwählen, in der Regel werden diese doch eher bewusst eingesetzt. Genauso verhält es sich mit dem Klang des Geigentones. Es ist doch schön, die Klangfarbe bewusst steuern zu können und dies nicht dem Zufall zu überlassen.

Die Saite will überdies auch mitgenommen werden. Dies geschieht dadurch, dass die Bogenhaare mit Kolophonium eingestrichen sind und die Saite an den Haaren kleben bleibt, bis sie zurückschwingt. In der Folge des Strichs bleibt sie dann erneut kleben und schwingt wieder zurück usw. Dadurch entsteht der typische näselige Klang einer Sägezahnkurve, der der Geige eigen ist (eine Geige klingt eben nicht üü-üü-üü, sondern eher bss-bss-bss). Was bedeutet das für die Streichposition?

Streicht man näher am Steg, so erhöht sich die Kraft, die man aufbringen muss, um die Saite ordentlich mitzunehmen. Wenn man nicht aufpasst, und den Kontakt zur Saite pflegt, pfeift sie unter dem Bogen weg und der Grundton kommt nicht zur Geltung. Es ist also ratsam, in der Nähe des Stegs mit allen Bogenhaaren auf der Saite zu streichen. Auf der anderen Seite bietet der Strich in Stegnähe den Vorteil, langsamer streichen zu können, um dieselbe Amplitude (also Lautstärke) des Tones zu erreichen, die beim Strich in der Nähe des Griffbrettes nur durch erhöhte Streichgeschwindigkeit erreicht werden könnte. Der Kontakt zur Saite wirkt sich also unmittelbar auf die Substanzhaftigkeit des Tones aus, während die Streichgeschwindigkeit sich auf die Lautstärke auswirkt.

Wie schön ist es doch, wenn ich im gleichmäßigen Strich, an derselben Position mit idealem Kontakt zur Saite mit der Saite, dem Bogen, mit der Geige, mit mir und der Welt im Einklang bin! Wehe, wenn diese Dreieingkeit aus Streichposition, Kontakt und Streichgeschwindigkeit sich auch nur im Geringsten verändert. Kratzen, Pfeifen, Knarzen und Quietschen sind nur die Vorboten der akustischen Hölle!

Erfahrungsgemäß ist der Hauptgrund, weshalb ein Ton nicht wohlklingend erzeugt wird, das versehentliche Vernachlässigen eines der drei genannten Parameter im Strich. Ich betone hier versehentlich, denn natürlich darf und muss der Strich zugunsten des Ausdrucks verändert werden (dürfen)! Das macht ja die Geige so ungemein interessant. Gefährlich wird es nur, wenn die Streichposition verlassen wird, ohne die Art des Kontaktes und der Streichgeschwindigkeit anzupassen.

Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen: Angenommen, ein Strich beginnt in Stegnähe, mit relativ festem Kontakt zur Saite und moderater Streichgeschwindigkeit. Was passiert, wenn der Bogen nun im Verlauf des Strichs in Richtung Griffbrett wandert? Da die Saite in Griffbrettnähe einen wesentlich größeren Schwingungsbauch hat als in Stegnähe, sollte die Streichgeschwindigkeit erhöht werden, um die Lautstärke des Tones aufrecht zu erhalten. Findet dieser Ausgleich nicht statt, wird der Ton unwillentlich leiser, denn der Schwingungsbauch wird dirch die neue Streichposition und die unveränderte Streichgeschwindigkeit verringert.

Aber noch eine Gefahr besteht: Streicht man in der Position des Stegs, so ist die Saite auf die momentane Schwingung eingestellt. Eine zu plötzliche Änderung der Streichposition in Richtung Griffbrett kann die Schwingung der Saite derart durcheinanderbringen, dass sie für einen Moment aufhört zu schwingen. Mehr noch, bei zu viel gleichzeitigem Druck auf die Saite kann diese regelrecht kontraproduktive Schwingungen entwickeln. Das äußert sich in stockenden oder kratzigen Tönen, oft auch in einem Abfallen der Tonhöhe des Grundtons, teilweise bis zu einem Halobton unter dem eigentlichen Ton. Der Ton der Saite verreckt buchstäblich. Jemand, der von diesem Phänomen überrascht wird, sucht die Lösung häufig in der linken Hand, weil vermeintlich unkorrekt intoniert wurde. In Wahrheit liegt es aber daran, dass die Streichposition unwillentlich verändert worden ist.

Da der Reiz der Geige in der Fülle der Klangfarbe, der Nuancenhaftigkeit des Tones, der vielfältigen Moglichkeiten der Tongestaltung liegt, ist es von enormer Wichtigkeit, den Strich bewusst beeinflussen zu können, beziehungsweise ein Gefühl für das Wechselspiel zwischen Saitenschwingung, Strich und Streichposition zu entwickeln, um gleichbleibend und verändernd streichen zu können.

Das Streichen in Stegnähe zu trainieren ist anfangs wirklich kein akustisches Vergnügen, ist der Ton am eigenen Ohr doch ungleich lauter, schärfer und treten doch die Nebengeräusche wesentlich mehr in den Vordergrund. Nur allzuoft ist man versucht, den Ton “schön” klingen zu lassen und vernachlässigt darüber die korrekte Ausführung der Übung. Die gute Nachricht aber ist: Wer sich einmal eine Weile auf das Experimentieren mit dem Streichen in Stegnähe eingelassen hat, wird die Erfahrung machen, dass der erzeugte Ton wesentlich klarer und am Ende einfacher zu halten ist. Aber auch hier gilt: Übung macht natürlich wie immer den Meister!

Meine Empfehlung: Eine Tonleiter mit jedem Ton über den gesamten Bogen, jeden Ton als Ab- und Aufstrich gestrichen, ist eine gesunde Bogenübung zu diesem Thema.

Weiterführende Links

Dipl.-Ing. Eberhard Sengpiel:
Vom Spektrum und dem Klang der Geigen (PDF)
Harmonische Partialtoene und Obertöne (PDF)